Tag 3086 des großen Krieges
Mir ist aufgefallen, dass meine gesamten Bemühungen, dem Grafen einen Kompromiss abzuringen vollkommen vergeblich sind. Er erinnert mich in seiner Attitüde an den einen Affen aus der Hohlwelt, sein Name ist mir gerade entfallen. Nur durch die Kontrolle Schwächerer hat er ein bisschen Kraft, da er diese für sich kämpfen lässt. Von alleine ist da nichts und leider gerade deswegen sind meine Bemühungen verloren. Ich missverstehe die charmante Offenheit, die er mir entgegen bringt, sobald ich stark und glücklich meine Gespräche beginne, für Einsicht. Ich schliesse von mir auf Andere, zum Beispiel wenn ich einen Fehler mache, der mit klar wird, ob von Feedback anderer oder aus eigener Überlegung heraus, werde ich auf eine Art demütig und meine Aggression verschwindet, nach kürzester Zeit, denn ich weiß aus Erfahrung dass ich von meinen Irrwegen und Fehlern sehr viel lernen kann, wenn nicht am meisten.
Grantig bin ich natürlich immer noch, weil ich gerne perfekt wäre, alles können würde, mich nicht anstrengen müsste für das Erreichen der Ziele und so weiter. Aber ich sehe meine Fehler oft schon von weitem, habe ein Umfeld, dass nicht mit Kritik spart und fast alle können es top sachlich an die Frau bringen. Großes Glück!
Der Graf, wenn ich wieder mal eine Drohne falsch repariere oder kurz unachtsam bin, kritisiert mich nicht mit Worten, er spielt das alles über die Stimmung. Das ist sehr bedrückend, und aus genau diesem Grund denke ich dann, wenn ich mich gesammelt habe und er freundlich auf mich zu geht, dass er eingesehen hat, dass Fehler machen menschlich ist und seine Eiswasser - Reaktion nicht angemessen war, er selbst ist ja schliesslich auch weit von perfekt entfernt, macht dauernd Fehler, die sich gewaschen haben.
Wir sind jetzt drei Monate an der Front, zwanzig Leute zählt unsere Einheit und da lernt man sich kennen, viel ist das nicht. Unser Ziel ist klar, nur, jeder gibt sein Bestes, weil wir wissen, worum es letztendlich wirklich geht.
Nur der Graf, der Graf, der Graf. Manchmal bin ich mir unsicher, ob er ein Spion sein könnte, ich halte ihn nicht für schlau genug, das Spiel so lange durchzuziehen, aber der Vorteil an Klugheit ist ja, dass man sich dumm stellen kann. Insofern ist er vielleicht einfach begabt? Meine Beobachtungen sagen mir dann noch, dass mein Vertrauen in seine Einsichtsfähigkeit, was eigene Fehler betrifft, absolut verlorene Liebesmüh ist. Dieses Nettsein ist nicht echt, das ist kein Nettsein im Sinne von 'okay ich sehe ein, ich hab mich geirrt, die Koordinaten waren nicht ganz richtig, nächstes Mal rechne ich genauer.' sondern im Gegenteil ist es ein Versuch, sich zu rächen an mir. Ich bin schuld, weil ich ihn kritisiert habe, um den Fehler an sich geht es lange nicht mehr. Er sieht, dass ich mich wieder gefangen habe, weil ich weiß, nächstes Mal mache ich es besser, so nicht mehr, und deswegen nicht mehr verzagt sondern voller Zuversicht bin, da ich mich freue, wenn ich wachse, und munter vor mich hin plane. Genau da grätscht er rein, mit Charmeoffensive und Humor. Guten Tipps, nett sein. Das währt dann jedesmal exakt so lange, bis ich mich öffne, weil ich denke 'Hey, der hat ein Herz, es geschnallt, wir sind wieder auf Augenhöhe, er meint es eh gut mit der Welt und mir.' und wie das Amen im Gebet folgt der nächste Angriff aus dem Nichts, mit Vorwürfen ohne ausgesprochene Worte, Ignoranz und Aggressivität. Männer? Echt, ich wäre gerne in einer Einheit nur mit Frauen, dass ich hier die einzige bin, nervt. Wobei fast alle anderen sind Ehrenmänner, das muss ich sagen. Habe die getestet. Mit kleinen Fragen über große Dinge, die keiner auf Anhieb einordnet, sondern einfach so beantworten kann.
Der Vorteil am klug sein ist, dass man es liebt, alleine zu sein, mit seinen Gedanken. Wir werden den Krieg gewinnen müssen, das steht fest. Der Feind rückt näher, wenn wir als Team keine Einheit finden, wird das grüne Band fallen. Wie gehe ich mit dem Grafen um? Er beruft sich auf seine Herkunft, das berechtigt ihn, unserer Kompanie voranzustehen, meint er. Dass wir hier an der Front die Hierarchien aufgegeben haben, hat er nicht verkraften können, denke ich. Wir mussten das tun, da wir, jeder einzelne, massive Spezialisten sind, fast Savants, die nur zwei Möglichkeiten kennen: Entweder tun, in Eigenverantwortung und Selbstregie, was wichtig ist und man am Besten kann, und an der korrekten Kommunikation wie verrückt zu arbeiten, damit daraus ein großes Ganzes werden kann, einmal, oder zu gehen. Ein Savant kann nicht geführt werden, schon gar nicht von einem, wie drücke ich mich höflich aus, kleinen Stück Wackelpudding wie dem Grafen. Der immer denkt, er wäre Gottes Geschenk an die Menschheit, vom Himmel gefallene Perfektion, seine Sicht der Dinge die einzig Richtige und überhaupt und so fort. Wer auch immer uns hier her beordert hat, warum gerade wir 20 an der Frontlinie die sind, die die Struktur weiter vorantreiben müssen, damit der Feind nicht weiter vorrücken kann, weiß ich nicht. Vielleicht werde ich das nie erfahren. Wir werden seit gestern dauernd beschossen. Es könnte mein letzter Eintrag gewesen sein. Manchmal denke ich, die große Intelligenz hat uns ausgewählt, damit wir etwas entdecken, dass neu ist. Obwohl das nicht möglich ist, denn Tom, Jakob und Igor waren noch nie erfasst von ihr, sie kommen aus einem Teil der Republik, der seit gut zehn Jahren das Netz abgeschaltet hatte, die Intelligenz hätte die drei zumindest also niemals zu uns dazu rechnen können, es muss also doch Zufall sein, ich werde es wohl nie erfahren. Möglicherweise ist es auch so, dass es nur mehr Savants gibt in unserem Landstrich, wir also einfach so ein Team sind.
Wie auch immer, total egal, mein Punkt war, dass weder ich noch meine Kollegen sich führen lassen können, obwohl sie über große Stärken und sehr viel Können verfügen, mit dem wir den Krieg eventuell gewinnen könnten. Hat die Vergangenheit bereits gezeigt, wir haben ganz schön viel Wind gemacht. Nur so Typen wie der Graf sind einfach Klötze am Bein, nicht, dass der nicht wahnsinnig viel kann, das meine ich nicht, unlängst hat er einen Funkspruch entschlüsselt, der uns zwei Wochen Proviant gekostet hätte, lange Geschichte, aber egal, er hat uns geholfen. Nur wenn er im Bunker sitzt, von der Erkundung retour gekommen, sind wir alle anderen so 'hmpf' weil der eine Stimmung verbreitet dass einem übel werden kann. Ich habe den Eindruck, er muss ein Spion sein, soviel Zeit wie uns der schon gekostet hat. Jetzt hab ich mal mit einigen drüber geredet, und sie merken, dass mich das nicht mehr beschäftigt, ob der nett ist oder fies, weil ich ja sein 'nettsein' als Grundierung der nächsten fiesen Attacke erkannt habe, und langsam fange ich an, mich zu erholen. Die Hoffnung ist ein Hund, hütet euch vor der speziellen Hoffnung, freundet euch mit einer allgemeinen Hoffnung an, das ist besser. Die spezielle, dass der Graf ein gutes Herz entwickeln könnte, hat mich echt viel Nerven gekostet und war für die Fisch. Die allgemeine, dass wir den Krieg gewinnen können vielleicht, oder was besseres folgen kann, wenn wir die Kommunikation endlich freigeschaltet haben von diesen berechnenden Inhalten, wie es uns als Team echt oft gelingt, das ist eine berechtigte.
Ich muss los, heute habe ich frei, was hier an der Front einem üblen Scherz gleicht, aber ich werde den Platz am Gerät jetzt räumen und mich zurückziehen mit einem guten Buch oder ein paar Platten.