Prinzipiell hab ich die Angst, andere Menschen zu enttäuschen. Und aus Prinzip habe ich diese Bedenken immer, ohne Pause.
Seit ich allerdings lerne, offen zu kommunizieren, dass dies ein Motor meiner Handlungen ist, habe ich erstaunlicherweise zwar nicht weniger Angst davor, aber ich finde die Angst plötzlich gut. Fast super. Ja, ich möchte andere Menschen nicht enttäuschen, ich möchte gut genug sein, ich möchte nicht, dass sie wegen mir traurig oder wütend sein müssen, wo das Leben an sich ja Anlass genug bietet, diese Gefühle dauernd haben zu müssen, wie von ganz alleine.
Ich bin hier, und ich kann es kaum glauben, sitze in einer Hängematte.
Ja, tja. Finally, und zwei Errungenschaften der Moderne haben mir das Leben gerettet, ein Nasenspray gegen Heuschnupfen und ein klappbarer Hometrainer. Jetzt mag ich allerdings sehr sehr bald wieder Sport machen, weil das letzte halbe Jahr war dermaßen wild, dass ich einfach keine Zeit dafür hatte.
Hoffentlich darf ich bleiben, wo ich gerade bin. Hoffentlich bin ich keine Enttäuschung.
‚Remote, remote‘ von Valie Export folgt als dritter Kurzfilm. Ich denke, dass ich es nicht aushalten kann, zu sehen, wie sie sich selbst verletzt, ihren blutenden Finger in das Gefäß mit Milch taucht. Und meine Reaktion verwundert mich mehr als ich erwartet habe: ich richte mich auf, erinnere eigenen Schmerz, wie oft habe ich mir in den Finger gesägt, gebohrt, geschnitten, zwar nicht mit Absicht, den Schmerz jedoch kenne ich zu gut, kann ihn einordnen. Ich richte mich auf, weil mir klar wird, was sie mir damit sagt. You kill me, i win. You torture me, you loose. Das Schlimmste ist überstanden, es gibt nichts, das Du mir antun kann, das mich brechen kann. You kill me, i win.
Draußen regnet es, ich habe gestern von 8 - 20h gearbeitet, mit einer kurzen Pause, in dieser Pause musste ich meine Waffen bei der Türe abgeben, manche Bilder passen und ermächtigen im Augenblick, so wie der Film von Sophie Bösker ‚Motheregine‘ - der, ein Meilenstein und Meisterwerk der Moderne wird, mark my words, gerade weil sie, in allem Ringen um die Aufteilung der Care-Arbeit einen kleinen, mächtigen Satz sagt. Dass sie es nicht ganz so gerne mag, wenn sie ein paar Tage gearbeitet hat, und ihre Tochter dann doch ein bisschen zu gerne bei ihrem Partner und Papa des Kindes ist. Der kleine Stich ins Herz, wenn man nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Der Betrag jeder Mutter zum Feminismus. Dem Vater das Kind anzuvertrauen, loslassen zu lernen.
Rotifers ‚the Frankfurt Kitchen‘ mochte ich sehr und Martha Rosler‘s ‚Semiotics of the Kitchen‘, dass ich auf der Uni in Linz vor bald 30 Jahren zum ersten Mal gesehen habe, wie beeindruckend sie den Kampf von der passiven Aggression in die Möglichkeiten der Aktion holt, ohne Worte.
Wo ich in den Genuss dieser Filme und noch einiger mehr gekommen bin?
Wo wohl. An meinem all time favourite Ort: dem Schloss Drosendorf.
Sophia Rieder und Kaspar Heidler hosteten das SOMMERERWACHEN III, das von Gabriele Ruff kuratiert wurde, Assistenz und Dokumentation: Julia Bertermann, die Grafik & phantastische vegetarische kulinarische Offenbarung kam von Patrick Detz.
Es ist nicht der Ort alleine, ein Ort kann auch verschlafen und langweilig sein, wenn er möchte, das ist die einfache Handlung, das ist der Normzustand, wenn man die Dinge laufen läßt, und nicht in Frage stellt, ob die Dinge laufen können oder wollen oder sollen.
Dass Menschen wie Kaspar Heidler, Sophia Rieder und Gabriele Ruff ermöglicht haben, dass die Kunstperformance ‚On the Tramp‘von Judith Augustinovič mit Birgit Schulz, Schablone / Verein für Kunst, Raum & Handwerk, Ortrun Bauer und Gästen in diesem Ambiente am nächsten Nachmittag in strahlendem Sonnenschein stattfinden konnte, gibt diesem Ort dieses gewisse Licht, das Leuchten, wie eine Art Bioluminiszenz kleiner Quallen im Meer, nur halt seelisch, es ist kein brennender Dornbusch, der alle unterwerfen will oder aufwecken im klassischen Sinne einer Bekehrung, es ist das, was Kunst kann, wenn sie es am Besten meint und macht: Durch die eigenen Leidenschaft, das eigene Gottvertrauen, die Abwesenheit von Angst, schlicht das Getriebensein von der Lust an Veränderung, Spannung, die Späne der Gewohnheit abhobelnden Auseinandersetzung mit den Dingen, die nicht auf den ersten Blick lieblich sind, gefällig und gut, die weh tun, vielleicht, wie der Film ‚Care‘ von Anna Witt am Abend zuvor, der in seiner Zärtlichkeit, die zwischen den philippinischen Pflegerinnen und den japanischen Senioren in dem Moment entsteht, wenn die Frauen ihren Schutzbefohlenen aus den Brillen helfen, nicht ausgesprochen werden muss, der in der Rhythmik des Textes: one day my food became too good one day my food became too good one day my food became too good, nach pocht, die von den Walzrollen bemalten Tücher und Körper, in zarten Mustern aufgetragene Hinwendung an die Gestaltung der Welt, uns gegenseitig, die Wechselwirkung, die Inspiration, genau soviel Raum zu lassen, dass die eigenen Gedanken zu fliegen beginnen, die Frauen in den Bodysuits mit den Malerrollen beschäftigt, dazu die Musik, der kleine, süße Hund, dessen Fell auch mit der Kreidefarbe verschönert wird, kurz, danach war er sauber gewaschen und ganz erstaunt, dass sah man ihm an, von dem tollen Ort und den Möglichkeiten, meine Gedanken, die in eine weit entfernte Zeit glitten, als ich, nackt und nach einer kleinen Offenbarung am Berg, durch die Gasse ging, bis jemand die Polizei gerufen hatte, und zwei Männer in Uniform mich einfingen, ich wehrte mich, wollte weglaufen, einer hatte meinen Arm dann hinter meinen Rücken gedreht, wie im Film, ich wollte kämpfen, er sagte nur sanft, das weiß ich noch weil es den Inhalt so konterkarierte ‚Soll ich ihnen den Arm brechen?‘ aber kein zynischer, kranker Tonfall, er war der Situation angemessen, ich war außer mir, und die Vermittlung, dass Widerstand zwecklos ist ohne Geschrei deutlicher, ich ergab mich, sie halfen mir in eine rot, blaue Paradeuniform, das Erstbeste, dass sie wohl im Schrank gefunden hatten, als die Durchsage gekommen war ‚nackte Person auf der Straße, wohl geisteskrank.‘
Ich könnte sagen, habe ja damals Kunst studiert, nackte Menschen in der Kunst, das ist nichts Neues mehr. Fast oder ganz nackte Menschen liebevoll zu bedecken, in sie die Muster einer Vergangenheit einzuschreiben, die in den Wintermonaten, so stelle ich mir vor, in Handarbeit geschnitzten Walzen als Interpretation der Schönheit der Natur in die eigenen vier Wände zu holen, in die Sicherheit und den Schutz, die Geborgenheit der Liebe der Mutter und der Ermächtigung des Vaters, und weil ich wegen meiner Eltern nicht lüge, kann ich sagen, ich habe nicht nur Kunst studiert, ich war verrückt zu jener Zeit, weil ich die Muster der Vergangenheit aufarbeiten konnte, die Werkzeuge lagen auf meinem Tisch und ich habe sie benutzt. Das Nacktsein war Schlusspunkt, die Reise auf den Berg damals, und ja, es waren nur der Satzberg und die Steinhofgründe, aber es war der Berg der Erkenntnis für mich, sie war ausschlaggebend, dass ich mein Leben zurück bekam. Langsam, Schritt für Schritt, und umfänglich.
All das kam in meinen Sinn, als die Frauen die Tücher am Boden und sich gegenseitig mit den Mustern bedeckten,bis am Ende wieder der eine Satz ‚you kill me, i win.‘ aufstieg und mir bewußt wurde, dass nicht nur das Zulassen und Vertrauen in die Väter ein ausschlaggebender Moment des Feminismus ist, dieser Tage, sondern auch die Überwindung des Neides, von Frauen auf Frauen. One day my Food became too good. Der Neid, die Eifersucht, die Grabenkämpfe um Aufmerksamkeit und Zuwendung, das sind Pferdefüße, die einer im Geiste vereinten Gemeinschaft an progressiven Menschen, die Tradition ehren, wie der Verein Schablone diese handwerklichen Kunstwerke der Vorfahren, und dennoch geistige Räume für aktuellen Kontext schaffen, entgegenstehen, die es zu überwinden gilt, damit die Kinder, die Zeugen unserer Bemühungen sind, es besser zu machen, nicht perfekt, gut genug eben, für sie und ihre Zukunft, ihrerseits wieder aufbauen werden können, auf dem Erbe, das wir ihnen einmal hinterlassen werden.
Wir haben anschliessend gegessen, Gemüse der bezaubernden Familie der Gemüsemanufaktur von Patrick Detz meisterlich zubereitet, an der gewalzten Tafel, die Weinbegleitung von Karasek, im Hof des Schlosses, ich atme schwer, weil ich so fertig bin, wie schön das war, ein Tränchen zurückhalten.
Meine Mutter war mit, wir waren uns nicht grün, weil einige alte Dinge in der letzten Zeit aufgerissen sind, und das Wochenende hat uns ein Stück näher gebracht als jemals zuvor, weil ich mich innerlich von ihr getrennt habe und sie deswegen den Einmischungsmotor in interne Angelegenheiten ausschalten konnte, was uns auf eine ganz neue Ebene gebracht hat, die mit Ernsthaftigkeit und selbstbewußter Strenge jeweils eigene Grenzen definiert, ohne die Liebe im Hintergrund in Frage stellen zu müssen, was massive Sache ist, so richtig angenehm frei sich anfühlt.
O hat den Kaspar von sich aus gefragt, ob im Sommer ein Zimmer frei ist, ich bin eigentlich pleite, weil Umzug und Dings, aber das muss drinnen sein, wir kommen wieder.
Weil der Abschluss mit Spanferkel und dem Konzert von Großmütterchen Hatz – tanzt mit Franziska Hatz – Akkordeon, Gesang, Bernd Satzinger – Bass, Sascha Nikolic – Schlagzeug, Richard Winkler – Saxophon, Klarinette, Keyboard so unglaublich war, und weil Sophia und Kaspar und Judith und Alex und den Tobi’s und dem Team des Schlosses Drosendorf allen zusammen meine ewige Dankbarkeit gewiss ist, dass wir Teil dessen sein durften, auch wenn ich ein seltsames Geschöpf bin, dass immer sicher ist, nirgends dazuzugehören; wenn wo, dann mag ich bei Euch dazu gehören einmal, weil diese offene Form der geistigen Auseinandersetzung, gepaart mit wirklich harter, fleißiger Arbeit, Freundlichkeit und gut kommunizierter, eigener Grenzen, der Abwesenheit von Angst und der visionären Beschäftigung mit den Möglichkeiten, die Nutzung einfachster Mittel für maximalen Output, und überhaupt, einfach alles an euch mir sehr an mein Herz spricht.
Sonntag morgen war die Landuni mit einem mobilen Labor vor Ort, ich war leider etwas zu verkatert für sinnvolle Gespräche, aber der Vibe war so gut, der Vibe der jungen Leute, das Labor sehr cool, ich habe mich in die Netzliege geworfen und auf den Kartonhocker gesetzt, meinen Eistee getrunken und eine Befragung mitgemacht. Das ist gut, das ist super, ich glaube an die jungen Leute, weitermachen.
Bilder folgen, ich muss nun duschen, Jause bereiten, das Kind scheuchen und in die Arbeit. Ich habe Bilder, und Videos vom Meer, das gibt es auch in Drosendorf. Glaubt ihr mir nicht? Dann zeig ich es euch gleich. Und später mehr. :D
Es sind Menschen gestorben, mitten aus ihren Plänen gerissen, sind krank, oder alt geworden langsam, es gibt Tode, die sich ankünden und solche, die einfach von einer Minute zu anderen Tatsachen schaffen.
Wie will ich leben? Und wie sterben. Was zieht so wild an meinem Herz, woher dieser unerschütterliche Glaube an die Ewigkeit?
Tatsachen schaffen geht im Leben mit ein paar Optionen, einige davon schließe ich aus Prinzip aus. Es genügt, wenn ich meine Aggressionen verbaler Natur ab und zu nicht im Griff habe, schlimm genug. Ich dachte lange, die unbändige Liebe, die ich fühle, wenn ich an T denke, sei etwas wie ein Ziel. Jetzt bin ich hier, wo jemand gestorben ist, dessen Platz ich einnehme, nicht seelisch, wie könnte ich, einfach räumlich und in der Realität und natürlich, das passiert, wir alle gehen auf dem Grund von vor uns Gestorbenen tagein, tagaus, ohne allzu oft darüber nachzudenken.
Hier sein, das ist nur in einem Kraftakt gelungen, weil, wie mir langsam klar wird, diese Tatsache, die meine unerwiderte Liebe zu T geschaffen hat, das Prinzip eröffnet, an und teilweise über meine Grenzen zu gehen, ohne Hoffnung.
Hoffnung darauf, es gäbe einen irgendwie erreichbaren Zustand, jemals, der dieser unfassbaren Tatsache, dass jeder einmal sterben wird, irgendwas entgegenhalten könnte. Ich kann wieder jeden Abend schlafen gehen und traurig sein, dass er nicht da ist, und trotzdem als ganzes Wesen durch meine Existenz fließen, und dann schlafen gehen, wie jetzt, mit halb fertig formuliertem Gedankengut, wo es so viel mehr zu sagen gäbe.
Wie ich ihre Anwesenheit hier gespürt habe, ihre Seele war noch da, echt jetzt, macht die Fenster weit auf, wenn jemand geht, das ist kein alter Schmäh, die Toten können sich sonst nicht leicht trennen, wie man wen scheuchen muss, der es sich gemütlich gemacht hat, bis er sieht, wie toll die Welt sein kann, mit dem weiten Himmel über den Köpfen, und dann hab ich die Türe aufgemacht, aber das war nicht da, es war nicht genug, es war das Badezimmer, ich weiß es nicht, bin mitten in der Nacht aufgewacht und musste die Türe zum Badezimmer weit aufreißen, und die Balkontüre dazu, und dann konnte sie gehen, weil der Himmel gerufen hat, wie er leise mit dem Wind immer flüstert, seht ihn euch an, ob grau oder blau, Tag oder Nacht, der kann das, er hat Kraft, und mir egal, ob das kitschig ist oder nicht, so steht es geschrieben in meinem Empfinden.
Jetzt ist sie gegangen, und die Erinnerung wird anders werden, vielleicht ist es das, unter unseren Füßen liegt der Staub der Toten aber im weiten Universum über uns sind ihre Gedanken und Gefühle, und ich weiß es, weil es an jeder Ecke zu sehen, zu spüren ist, die kritische Masse ist demnächst erreicht, von da oben schaut keiner mit grimmiger Miene auf uns herab, am Ende ist Frieden, in den letzten Minuten, weil es gehört Mut zum sterben, wie wenn man gebiert, ach Stromsparmodus, und müde K, ich lass Euch, lass Euch in Ruhe, nur eins noch: Tatsachen schaffen im Flow mit der Liebe, dem Respekt zum Leben ist eine wilde Sache, wie sich einen reißenden Fluss hinunterzuwerfen, ohne sich irgendwo zu sehr zu verhaken, dann umschifft man die Stromschnellen und kommt ans Meer, am Ende vielleicht.
Und wenn ich zu naiv war, soll es so sein. Das Risiko gehe ich ein, weil ich durch die Liebe bereit bin, den Tag ziehen zu lassen. Morgen gebe ich wieder mein Bestes. Dankeschön.